Was man Sprach- und Kommunikationswissenschaftler über die „Lüge“ fragen darf – und was nicht

Der Beitrag referiert die Versuche der Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Analyse- und Beschreibungsmodelle für das Phänomen der „Lüge“ zu erarbeiten. Während die strukturalistische Sprachwissenschaft gar keinen professionellen Zugang zur Lüge findet, verwickelt sich die pragmatische Sprechaktl...

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Detalles Bibliográficos
Publicado en:URI:https://journals.openedition.org/ceg,
Autor principal: Knobloch, Clemens
Formato: Article ou chapitre numérique
Lenguaje:Allemand
Publicado: Cahiers d’études germaniques 2017
Materias:
Acceso en línea:Accès Université d'Orléans et IFPM
Accès Université d'Orléans et IFPM
Descripción
Sumario:Der Beitrag referiert die Versuche der Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Analyse- und Beschreibungsmodelle für das Phänomen der „Lüge“ zu erarbeiten. Während die strukturalistische Sprachwissenschaft gar keinen professionellen Zugang zur Lüge findet, verwickelt sich die pragmatische Sprechaktlehre in Widersprüche, weil es einen konventionellen Sprechakt „Lügen“ nicht geben kann. Die sprachkritische und sprachskeptische Philosophie um 1900 verlegt sich auf die Behauptung, es seien die natürlichen Sprachen selbst insgesamt auf Lüge und Täuschung ausgelegt, was aber den Unterschied zwischen Wahrhaftigkeit und Lüge beim einzelnen Sprecher relativiert. Wenn schon die Sprache lügt, kommt es auf den Sprecher nicht mehr an. Die ebenfalls vorgestellte neoevolutionistische Signalkostentheorie der Lüge argumentiert, dass nur Kommunikationen, die dem Sender hohe Kosten verursachen, als aufrichtig und verlässlich angesehen werden können, was zu der paradoxen Konsequenz führt, dass die Evolution von Signalsystemen ein ewiger und eskalierender Rüstungswettlauf zwischen immer raffinierteren Betrügern und immer raffinierteren „Durchblickern“ wäre (was die Sprachevolution jedenfalls nicht bestätigt). Der semantisch-pragmatische Kern der „Lüge“ ist ein gesichtsbedrohender moralischer Vorwurf, der gegen Sprecher erhoben werden kann. Als analytische Kategorie taugt die „Lüge“ offenbar nicht.