Eine „Kunst ohne Werke“? – das Schachspiel zwischen Technik und Obsession in Stefan Zweigs Schachnovelle

Auf dem Passagierdampfer in der Schachnovelle gibt es zwar keine Künstlerfigur, doch die drei Partien zwischen dem ungebildeten Schachweltmeister Mirko Czentovic aus dem Banat und dem unbekannten Dr. B. aus Wien beschwören einen Gegensatz zwischen Stoff und Geist herauf, die an die künstlerische Ges...

Descripció completa

Guardat en:
Dades bibliogràfiques
Publicat a:URI:https://journals.openedition.org/austriaca,
Autor principal: Chevrel, Éric
Format: Article ou chapitre numérique
Idioma:Allemand
Publicat: Austriaca 2022
Matèries:
Accés en línia:Accès Université d'Orléans et IFPM
Accès Université d'Orléans et IFPM
Descripció
Sumari:Auf dem Passagierdampfer in der Schachnovelle gibt es zwar keine Künstlerfigur, doch die drei Partien zwischen dem ungebildeten Schachweltmeister Mirko Czentovic aus dem Banat und dem unbekannten Dr. B. aus Wien beschwören einen Gegensatz zwischen Stoff und Geist herauf, die an die künstlerische Gestaltung erinnern. So beherrscht Czentovic das Spiel vollständig nur bei dessen materieller Anwesenheit und kommt einem dabei als ein „unmenschlicher Schachautomat“ vor, während Dr. B.s Zugang zum Schachspiel durch die Vorstellungskraft bedingt ist, die er als geistige Widerstandsübung gegen Verhöre der Gestapo benutzt. Das Schachspiel erscheint in der Novelle in Bezug auf die Kunst als durchaus zwiespältig: Es wird mehrfach mit Musik und Literatur verglichen, doch seine potentielle Nähe zur rücksichtslosen Mechanik (Czentovic) und zur Obsession (Dr. B.s „Schachvergiftung“) lassen es auch als gefährliche Macht erscheinen, die an Zweigs Künstlerbiographien in Kampf mit dem Dämon erinnern mag.